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Samstag, 2006-02-25

Glen Johnson ist zurück

Punktsieg über Richard Hall im Kampf der "Road Warrior"

Glencoffe Donovan Johnson hat es wieder einmal geschafft. In Hollywood schlug der frühere Weltmeister, der seit 13 Jahren durch die Box-Arenen der Welt pilgert, Richard Hall (32) aus Jamaika nach Punkten und steht nun als Nr.1 der IBF vor seinem 6. WM-Kampf.

Einen nachhaltigen Eindruck hinterließ der Kampf des 37 Jahre alten Johnson bei seinem nächsten Gegner, Clinton Wood. "Ich bin sehr glücklich über seinen Sieg. Vor meinem Abschied vom Box-Sport, muss ich noch einmal gegen Glen Johnson antreten", sagte der 33jährige Wood am Morgen nach dem Kampf in der Seminole Hard Rock Arena.
Der amtierende IBF-Weltmeister im Halb-Schwergewicht hat die beiden unschmeichelhaften Ringduelle gegen Johnson nicht vergessen. Bei ihrem ersten Aufeinandertreffen 2003 trennten sich beide nach 12 Runden unentschieden, ein Jahr später siegte "Gentleman" Johnson klar nach Punkten und holte sich den vakanten Titel der IBF.
Bevor es jedoch für Wood Ende des Jahres zum dritten Mal gegen Johnson ernst wird, will sich der Champion, der zuletzt im September 2005 im Ring stand, an einem leichterten Gegner den Ringrost der letzen Monate abstreifen.
"Ich will mich nicht verkaufen. Ich will einfach nur boxen", Glen Johnson
Die Southwest 28th Lane in Miami liegt dort, wo Coconut Grove nicht mehr schön ist – und Coral Gables noch nicht. Direkt an der US 1, wo sich zu jeder Tages- und Nachtzeit der Verkehr staut und die Fahrzeuge stoßweise auf den kleinen Parkplatz des "Fight Club" spuckt. Boxerobics laufen, die Chance für verweichlichte Städter, durch ein paar box-ähnliche Bewegungen den letzten Burger wieder gut zu machen. Oder den nächsten.
Sandro Flores, der Besitzer des "Fight Club", sitzt in seinem Kabäuschen hinter den verspiegelten Scheiben und sieht den reichen Schönen und den reichen Dicken beim Schwitzen zu. Sandro sagt, dass er früher mal Finanzberater für Jack White war und selbst geile Songs schreibt. Dann sagt Sandro gar nichts mehr sondern deutet nur noch auf den Boxring.
Dort unten, inmitten der Techno-Salsa-150-Phon-Orgie für die Trainingsgruppe, zeigt Glencoffe Johnson, wie einfach Boxen aussehen kann. Der 37-Jährige macht Sparring mit einem grimmig drein blickenden Jungen aus Venezuela, der in Miami eine Profikarriere starten will. Nach einer Runde weiß Johnsons Trainingspartner, Johnsons Spielball, nicht mehr, ob das der richtige Jobwunsch ist. Nach zwei Runden hört sein Trainer auf zu brüllen und am Seil entlang zu tanzen. Nach vier Runden schleichen die beiden aus der Halle.
Johnson, der erst mit 20 Jahren die Handschuhe anzog ("Ich hatte Übergewicht und konnte mein Spiegelbild nicht mehr ertragen"), bekommt Szenenapplaus. Er lacht über das ganze Gesicht. Der Schweiß tropft auf den Ringboden als hätte jemand eine 1,5-Liter-Flasche über ihm ausgekippt. Die Frage, warum er den hilflosen Burschen nicht einfach ausgeknockt hat, lässt ihn ernst werden. "Macht keinen Sinn, ihm den Traum zu zerstören. Passiert noch früh genug", erklärt der Modellathlet. "Macht keinen Sinn, jemand zu bestrafen, der noch gar nicht weiß, wie das Ganze funktioniert."
Johnson, der tagsüber Betonformen für einen der neuen Apartment-Bunker an der Collins Avenue gießt und erst danach zum Training geht, weiß ganz genau, wie das Ganze funktioniert. Mit 56 Kämpfen, darunter 44 Siegen (29 vorzeitig) steht er momentan auf Platz 2 der Computer-Weltrangliste im Halbschwer. Doch wenn er nicht so oft fragwürdig verloren hätte, wer weiß, wo er dann stehen würde.
Die deutschen Box-Fans kennen den Mann aus Jamaika vielleicht durch die knappe Punktniederlage 1999 gegen Sven Ottke. Jenem harten Stück Arbeit, nach dem der Super-Mittelgewichts-Champion den Herausforderer als "verdammt clever" bezeichnete und ihn später als Sparringspartner erneut nach Deutschland einlud.
Auf jeden Fall kennen die deutschen Box-Fans Johnson durch seinen K.o.-Sieg über Thomas Ulrich. Jenem Knalleffekt im Juli 2001, als Johnson ganze 15.000 Dollar bekam, aber nicht einmal ein Videoband der großen deutschen Hoffnung. Dabei ist das Austauschen von Videos im Boxen ebenso ein ungeschriebenes Gesetz wie der Einwurf zurück zum Gegner nach einer Verletzungspause im Fußball. Johnson fand noch ein paar laufende Bilder und verprügelte Ulrich im Estrel-Hotel. Aber während der Berliner vom Universum-Boxstall in aller Ruhe und mit aller teuren Behutsamkeit wieder aufgebaut wurde, blieb der Lohn für den Sieger mager.
"Ich will mich nicht verkaufen. Ich will einfach nur boxen", sagt Johnson, der all’ das verkörpert, was gut im Boxen ist. Und obendrein all’ das, was schlecht ist. Man mag es naiv nennen, aber seine Weigerung, mit einem der großen Manager ins Bett zu steigen, bezahlt er immer wieder. Man schaue sich in Archiven Berichte von seinen Kämpfen an - immer wieder tauchen bei Niederlagen die Bemerkungen "umstrittenes Urteil" oder "sehr umstrittenes Urteil" auf."
Gegen Silvio Branco wurde Johnson eiskalt verladen. Selbst das Publikum in Padua pfiff die Punktrichter aus. Und die US-Medien zitierten den alten Satz, wonach ein Ausländer in Italien nur dann ein Unentschieden bekommt, wenn er durch K.o. gewinnt.
Nach dem Triumph gegen Ulrich gab es noch zwei Skandale. Die Punktniederlage gegen Julio Cesar Gonzalez war ein schlechter Witz. Und das Unentschieden gegen Daniel Judah – dem Bruder von Halb-Weltergewichts-Champion Zab Judah – war ungefähr so unentschieden wie alle zwei Wochen das Duell Minardi gegen Ferrari.
Dann wurde Johnson als designierter Verlierer für eine Show in New York verpflichtet – und punktete den Weltranglisten-Boxer Eric Harding klar aus. Jenen Harding, der den einzigen Sieg über WBC- und IBF-Champion Antonio Tarver vorweisen kann.
"Everything’s gonna be alright", zitiert der Nichtraucher und Glatzkopf Johnson – für einmal trotzdem ganz Jamaikaner – den Reggae-Star Bob Marley. "Ich werde einfach weiter Überraschungen liefern. Ich werde Leute besiegen, die angeblich viel besser sind – bis ich endlich meine Chance bekomme, Champion zu werden."
Beim Barbecue an Henry Fosters Pool steht Johnson plötzlich auf, weil ein Stuhl zu wenig am Tisch steht. Dann sitzt er auf einem Aushilfsmöbelstück und redet über Boxen. "Boxen ist der beste Sport der Welt. Boxen ist der mieseste Sport der Welt. Ich mache einfach mein Ding. Viele Grüße an Thomas Ulrich – ich wünsche ihm alles Gute. Aber irgendwann werden ihn seine Fans fragen: Wer ist eigentlich der Kerl, der dich damals ausgeknockt hat?"
Die Antwort heißt: Glencoffe Johnson. Und die nächste Frage lautet: Wer hat Angst vor Glencoffe Johnson?
Andreas Lorenz