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Sonntag, 2002-06-16

Der wahre Mike Tyson?

Waren die verbalen Ausfälle vor dem Kampf gegen Lewis nur gespielt?

Die größte Überraschung am Samstagabend kurz nach 23:00 Uhr Ortszeit in der Pyramid-Arena in Memphis war keine sportliche, sondern eine menschliche: Mike Tyson hatte gerade erst seinen Kampf durch K.o. in der achten Runde gegen Lennox Lewis verloren, als er den Champion kurz umarmte und ihm, bewacht von vielen Sicherheitskräften, die allerdings nicht mehr nötig waren, zu seinem großen Sieg gratulierte.
"Es gibt keine Möglichkeit, ihn jemals zu schlagen. Er ist einfach zu groß und zu stark. Er hat mich früh verletzt und immer den Druck auf mich aufrechterhalten. Ich konnte einen schweren Treffer einstecken, aber ich konnte nicht jeden Punch sehen. Er ist sehr groß", erklärte der frustrierte Herausforderer, der jedoch die Leistung seines Gegners in jeder Hinsicht anerkannte und ihn um einen Rückkampf bat. Ein sanftmütiger und würdevoller Verlierer Tyson war von den wenigsten Menschen auf der Welt erwartet worden.
Daher hatten die Boxer auch schon bei den Vertragsverhandlungen über die Austragung des Kampfes die Klausel unterschrieben, dass eine unfaire Aktionen zu einer Strafgebühr von drei Millionen US-Dollar führen würde. Tysons Ohrbiss beim Kampf gegen Holyfield und die Tumulte bei der Pressekonferenz zur Bekanntgabe des Kampfes gegen Lewis, als Tyson dem Champion angeblich in den Oberschenkel gebissen hatte, bewogen die Verantwortlichen zu diesem Vertragspunkt.
Aber der frühere Schwergewichtsweltmeister verhielt sich im Ring wie ein Gentleman und küsste sogar nach dem Kampf die Mutter von Lewis. Diese wischte daraufhin sanft etwas Blut von Tysons Wange, als beide Athleten Fragen nach dem Kampf beantworteten. Im Jahre 2000 hatte Tyson sich mit übelsten verbalen Entgleisungen, wie [die nicht vorhandenen] Kinder von Lewis essen zu wollen in dunkle, düstere Schlagzeilen gebracht. Umso erstaunlicher war nun der fast schon verwandtschaftliche Kontakt zur Familie von Lewis.
Der frühere Boxrüpel schien in diesem Augenblick im Angesicht seiner vernichtendsten Niederlage seiner Karriere ein geläuterterter, besserer Mensch geworden zu sein. "Ich respektiere diesem Mann wie einen Bruder. Ich liebe ihn und seine Mutter. Ich würde niemals etwas Respektloses gegenüber ihm tun."
In den Wochen vor dem Kampf klang das noch anders aus dem Mund von Tyson. Töten wollte er seinen Gegner, ihm die Rippen brechen und seinen Schädel zerschmettern. Nach dem Duell schien es, dass Tyson vor dem Kampf mit diesen Worten seinen Gegner verunsichern wollte, da er selber längst um seine eigenen boxerischen Mängel und limitierten Fähigkeiten wusste. Schon beim Einmarsch wirkte Tyson eher ängstlich als selbstbewusst.
Bei Lewis hatten die Sprüche doch mehr Wirkung hinterlassen, als dieser der Presse zuvor mitteilte: "Ich bin froh, dass es in dem Kampf keine unerlaubten Dinge gab. Manchmal habe ich davon geträumt, dass er mich mit Tiefschlägen erwischt – dass er mich beißen wird", sagte Lewis nach dem Kampf.
Wie ist der wahre Mike Tyson? Ob seine Bekenntnisse und seine freundliche, sogar sanftmütige Art nur gespielt waren, um einen Rückkampf und vielleicht den letzten großen Zahltag in der Karriere des Mike Gerald Tyson zu bescheren ist geanauso wenig zu beantworten, wie die Frage, ob vielleicht die Medien den früheren Schwergewichtschampion schlechter und böser gemacht haben, als er in Wirklichkeit ist. Vielleicht hat aber auch die deutliche Niederlage Tyson klar gemacht, dass er längst seinen Zenit überschritten hat und er das einzige, was er in seinem Leben hat, den Boxsport, langsam verliert.